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Abschlussbericht von Florian Grimm, Sommer 2013

"Osibirota, Muzungu!"

Nun da ich diesen Bericht verfasse sind schon ein paar Monate seit meiner Heimkehr aus Uganda vergangen. Aber noch immer muss ich viel an diese Zeit zurückdenken, die mich sehr bewegt und sowohl fröhliche als auch traurige Erinnerungen in mir verursacht hat.

Zunächst aber eine kurze Vorstellung meiner Person: Ich bin 27 Jahre alt und hatte den Wunsch nach Abschluss meines Jura-Studiums im Dezember 2012 vor meinem Eintritt ins Referendariat noch eine Weile die Welt zu bereisen, dabei aber nicht ausschließlich in der Rolle eines Touristen, sondern als jemand der versucht seinen Teil dazu beizutragen und den Leuten vor Ort ein wenig zurückzugeben. Nachdem ich längere Zeit nach einem passenden Projekt für meine Pläne gesucht hatte, stieß ich letztendlich auf die Internetseite des Vereins Ugandahilfe-Kagadi e.V.

Da mich deren Herangehensweise und das Projekt in Kagadi auf Anhieb überzeugt hatten, war mein Entschluss im Waisenheim des Vereins in Kagadi mitzuhelfen schnell gefasst. Nachdem ich im Frühjahr 2013 zunächst einige Wochen in Südostasien unterwegs war, kam ich Ende Mai mit einem Freund in Ostafrika an.

Mit diesem bereiste ich zunächst für einen Monat Ruanda und Uganda bevor sich Ende Juni unsere Wege trennten und ich mich von der Hauptstadt Kampala aus auf den weiten und staubigen Weg nach Kagadi in der Kibaale Provinz im Westen des Landes machte. Dadurch, dass ich bereits ein paar Wochen in Ostafrika verbracht hatte, fiel mir der Anfang und die Eingewöhnung nicht ganz so schwer. Wie es der Zufall jedoch wollte, war der Tag meiner Reise von Kampala nach Kagadi mein 27. Geburtstag und an diesem Tag verspürt man das Heimweh dann doch ein wenig stärker als sonst, insbesondere da dies dann mein erster Tag alleine in Uganda war.

Der Transport von Kampala nach Kagadi verlief an und für sich reibungslos, bis auf die 4-stündige Wartezeit in dem chaotischen Gewusel des Busbahnhofs "Old Taxi Park" in Kampala.

Ich stand jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits in Kontakt mit Father Augustine - dem Leiter des Waisenheims vor Ort und des Vorstehers der katholischen Gemeinde in Kagadi - der mich dabei unterstützt hat gut in Kagadi anzukommen. Als sich schon eine Weile die Dunkelheit über das Land gelegt hatte, kam ich schließlich nach einer langen Anreise erschöpft und müde in Kagadi und im Waisenheim an... und mir wurde ein derart herzhafter Empfang durch die Kinder, die Angestellten und Father Augustine bereitet, dass alles Heimweh und die Erschöpfung im Nu wie weggeblasen waren. Die Kinder begrüßten mich mit einem Willkommenstanz und beäugten mich neugierig, während ich mich ihnen vorstellte.

Nachdem ich am nächsten Morgen ausgeschlafen hatte, begann meine Erkundungstour im Heim und in Kagadi. Da die Kinder zu diesem Zeitpunkt bereits schon in der Schule waren, führte mich John - der Gärtner im Kinderheim - durch die Anlage und die Stadt. Auch mit den Angestellten und den beiden Betreuern Primer und Victor führte ich erste längere Gespräche; diese beiden sollten mir im Laufe meines Aufenthalts noch sehr ans Herz wachsen und zu meinen Vertrauenspersonen werden, die ich beide sehr vermisse. Die ersten Tage verbrachte ich damit die Gegend kennenzulernen, denn mir war vieles neu hier. Auch wenn ich bereits einige Zeit zuvor das Land bereist hatte, war ich nun an einem Ort abseits der touristischen Pfade angekommen und konnte so auf eine unverfälschte Art und Weise den Alltag in Uganda kennenlernen.

Dies war eine sehr intensive Erfahrung, da ich alleine hierher gekommen war und die Fremdheit und das Neue dieser Weltgegend umso stärker kennenlernte; dies aber trotz gelegentlicher Widrigkeiten auf eine positive Weise, denn die Menschen dort begrüßten mich stets aufs Herzlichste und nahmen mich offen in ihrem Kreis auf.

Als erstes versuchte ich nun das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Zu Anfang fiel es mir noch schwer all die zahlreichen Gesichter der 64 Kinder auseinanderzuhalten, doch schon bald lernte ich sie fast alle näher kennen und nach kurzer Zeit hatte ich mir auch schon viele ihrer Namen behalten.
Waren die meisten mir gegenüber zunächst noch etwas schüchtern und scheu, so konnte das Eis jedoch schnell durch diverse Gruppenspiele wie "Topfschlagen", "Die Reise nach Jerusalem" oder Fußballspielen mit den Jungs gebrochen werden. Dabei war es mir stets wichtig den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

Abends gab ich ihnen meistens Nachhilfe in Englisch oder Mathematik, insbesondere den etwas älteren Kindern. Für mich war dies ziemliches Neuland, aber ich verspürte stets ein gutes Gefühl, wenn ich merkte, dass ich einem der Kinder etwas beibringen konnte. Auch wenn einen die Kleinen dabei stets auf Trab hielten 😉 Ich habe jedoch großen Respekt davor, dass die meisten Kinder auch nach einem langen anstrengenden Schultag noch wissbegierig die allabendliche Nachhilfe auf sich nahmen.

Aber natürlich kam auch bei alldem der Spaß nicht zu kurz, denn Kinder sind immer noch Kinder und brauchen auch genügend Raum sich auszutoben und ausgelassen zu sein. Mein Eindruck ist, dass die Kinder im Waisenheim dazu auch viel Gelegenheit hatten. An den Wochenenden hielten wir Fußballspiele auf dem großen Platz neben der Grundschule St. Joseph ab und machten Ausflüge in die nähere Umgebung.

Besonders der Ausflug zu einem riesigen Felsen, von dem aus man die komplette Gegend sehen konnte, war dabei ein großes Highlight und bereitete den Kindern und mir viel Freude. Auch den Workshop des Hostels brachten wir soweit wie möglich auf Vordermann und kurz vor meiner Abreise trafen neue Schulbänke ein, so dass die Kinder auch hier in Zukunft ein Forum haben werden um zu lesen und ihre Hausaufgaben zu erledigen.

Beim Nachhilfeunterricht profitierte ich auch sehr von der tatkräftigen Unterstützung von Max Sadayo, einem früheren Angestellten des Hostels. Durch ein privates Stipendium wurde es ihm ermöglicht in Kampala zu studieren und immer, wenn er wieder in seiner Heimatstadt Kagadi weilte gab er den Kindern so oft es ihm möglich war abends nach dem Abendessen Nachhilfe. Wir führten viele lange Gespräche und mit der Zeit entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen uns. Wir stehen auch nach wie vor in Kontakt miteinander.

Einmal nahm Max mich auf seinem Boda-Boda - so nennen sie in Uganda ihre Motorräder - mit zu einem Ausflug in sein Heimatdorf und stellte mich seiner Familie und seinen Freunden vor. Ich war wirklich gerührt und zutiefst geehrt von all der herzlichen Gastfreundschaft, die mir dabei widerfahren ist. Max unterstützte mich auch bei meinem Vorhaben für die Kinder eine Schaukel aus Metall auf dem Hostelgelände aufzubauen. Wir beauftragten einen mit ihm befreundeten Handwerker und ein paar Tage später konnte die Schaukel von den Kindern eingeweiht werden. Ich hoffe sie werden noch eine zeitlang ihre Freude daran haben!

Seltener zu tun hatte ich allerdings mit Father Augustine. Zu Beginn besuchte ich noch auf eine Einladung hin ein paar mal den örtlichen Gottesdienst und hielt eine kleine Willkommensrede vor der katholischen Gemeinde Kagadis. Father Augustine behandelte mich stets freundlich und respektvoll, allerdings konnte ich mit seinem doch sehr autoritären Führungsstil nie wirklich warm werden. Zwar konnte ich es durchaus nachvollziehen, dass er auch hin und wieder unangenehme Entscheidungen treffen musste. Allerdings merkte man ihm oft an, dass er aufgrund seiner Tätigkeit als Geistlicher sehr viel Wert darauf legte, als Respektsperson geschätzt zu werden. Dies zeigte sich auch gelegentlich durch relativ herablassendes Verhalten gegenüber den Angestellten des Hostels.

Ich möchte jedoch noch einmal betonen, dass er sich mir gegenüber allerdings immer korrekt verhalten hat. Vielleicht ist dies auch einfach eine Mentalität, die man als Gast in einem fremden Land schlichtweg hinnehmen muss.

Während meines Aufenthalts in Kagadi besuchte ich auch die benachbarte Grundschule, die "St. Joseph Primary School" und die weiterführende Schule "Kagadi People's School" ( Secondary School ). In der Grundschule half ich ein paar mal bei der Korrektur von Schularbeiten aus und besuchte einige Unterrichtseinheiten. Von der Klassengröße her ist der Unterricht nicht mit unseren Standards zu vergleichen, üblich ist eine Schüleranzahl von 80-90 Schülern pro Klasse.

Dabei bleibt es leider auch nicht aus, dass einzelne Schüler immer wieder auf der Strecke bleiben, denn eine individuelle Betreuung jedes einzelnen Kindes ist auch für den engagiertesten Lehrer unter diesen Umständen eine nahezu unmögliche Aufgabe. Ein beeindruckendes Gefühl war es auch auf dem Schulhof inmitten eines riesigen Pulks von Schulkindern zu stehen und von allen Seiten mit neugierigen Blick beäugt zu werden. Viele hatten laut ihren Lehrern zum ersten mal einen "Muzungu" ( Kisuaheli für "Weißer" ) aus der Nähe gesehen und dementsprechend groß war die Neugier der Kleinen.

Zu den Kindern des Hostels entwickelte ich mit der Zeit ein immer vertrauensvolles Verhältnis, so dass viele von ihnen zu meinen kleinen Freunden wurden und mir der Abschied von ihnen sehr schwer fiel. Ihre unbändige Lebensfreude und ihre Ausgelassenheit wird mir für immer im Gedächtnis bleiben... Vor allem, wenn man sieht wie wenig diese Kinder im Vergleich zu den Kindern unserer wohlhabenden Gesellschaften tatsächlich besitzen. Natürlich wünschen sich auch all diese Kinder ein besseres Leben, aber ihr Lächeln und ihre Lebensfreude zeigen einem anschaulich, dass materielle Dinge nicht die einzige Voraussetzung für ein glückliches Leben sind.
In Gedanken werde ich immer bei ihnen sein und hoffe, dass möglichst viele von ihnen ihren Weg gehen und all den Widrigkeiten trotzdem werden, die ihnen das oftmals beschwerliche Leben in Ostafrika bereithält.

Leider waren die Umstände meiner Abreise und meiner Heimkehr alles andere als erfreulich: Etwa eine Woche vor meiner geplanten Heimkehr fühlte ich eines Morgens einige Symptome wie leichten Schwindel und ein Druckgefühl in meinem Kopf. Aus einer Gruppe Engländer und Schotten, die in Kagadi beim Bau einer anderen Grundschule mithalfen, war erst ein paar Tage zuvor eine junge Frau an Malaria erkrankt - und das trotz regelmäßiger Einnahme einer medikamentösen Prophylaxe.

Da ich immer wieder etwas Zeit mit dieser Gruppe verbrachte und durch diese Erzählung aufgeschreckt war, ging ich lieber auf Nummer sicher und ließ mich in einer privaten Klinik in Kagadi auf Malaria testen. Da ich bereits seit Wochen Doxycyclin als medikamentöse Prophylaxe zu mir nahm und auch sonst durch Mückenspray, Moskitonetze und dergleichen stets auf sämtliche Vorsichtsmaßnahmen geachtet hatte, rechnete ich eigentlich nicht mit einer positiven Diagnose. Es sollte jedoch leider anders gekommen und ich erfuhr, dass mit der Zeit auch die beste Prophylaxe einen durchlässigeren Schutz bietet: Durch eine Bluprobe wurden die Erreger der malaria tropica in meinem Blut nachgewiesen.

Glücklicherweise befand sich die Malaria noch in einem relativ schwachen Anfangsstadium, so dass mir der behandelnde Arzt zusicherte durch eine direkte Behandlung könnte die Sache schnell im Keim erstickt werden und ein Ausbruch schlimmerer Symptome verhindert werden. Da ich jedoch erst Anfang des Jahres an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt war, wollte ich jedoch keinerlei Risiko eingehen und entschied mich auf Nummer sicher zu gehen und so schnell wie möglich meinen Heimflug umzubuchen. Die Überbringung dieser Nachricht viel mir jedoch alles andere als leicht. Wären Father Augustine, Max, Victor und Primer mich zwar versuchten zum Bleiben zu überreden und die Krankheit vor Ort auszukurieren, hatten sie letztendlich bei allem Bedauern doch Verständnis für meine Entscheidung.

Viel schwerer fiel es mir jedoch den Kindern von meiner vorzeitigen Abreise zu berichten, viele konnten es nicht wirklich verstehen und waren durchaus enttäuscht darüber. Aber ich kann das voll und ganz nachvollziehen, denn Verständnis hierfür wäre in einem Land in dem Malaria leider immer noch zum Alltag gehört zu viel erwartet ... für manche von Ihnen sah es wohl so aus, dass ich mich wegen einer Krankheit, die die meisten von ihnen schon einmal erleiden mussten aus dem Staub machen würde. Trotz allem wurde es ein herzlicher, wenn auch sehr trauriger Abschied und ich musste ein wenig gegen die Tränen ankämpfen, mich auf diese Art und Weise von allen zu verabschieden.

Zu meinem Glück verschlimmerten sich die Symptome durch die Einnahme starker Anti-Malaria Medikamente nicht und die Erreger waren auch nach ein paar Tagen nicht mehr im Blut nachweisbar. Max hatte mich auf meinem Weg nach Kampala begleitet und wir verbrachten einen letzten Abend in Entebbe bevor mein Flieger in der Nacht dieses wunderschöne Fleckchen Erde hinter sich ließ. Ich war also nochmal mit einem blauen Auge davongekommen, auch wenn ich mich noch gut an den Schock erinnern kann, den die Diagnose in mir hervorgerufen hat.

Natürlich habe ich mir danach die Frage gestellt, ob ich die Krankheit nicht hätte einfach vor Ort auskurieren sollen und mich dann in aller Ruhe von den Kindern und den Heimbewohnern zu verabschieden; allerdings bereue ich die Entscheidung nicht, da ich sie zugunsten meiner Gesundheit getroffen hatte ... egal wie schwer und schmerzlich dieser überstürzte Abschied mir auch gefallen ist und noch heute an mir nagt.

Wie ich meine Entscheidung nach Uganda zu gehen im Nachhinein sehe? Ich bereue sie auf keinen Fall, diese Zeit hat mir viel gebracht, meinen Horizont erweitert und auch Demut und Wertschätzung vor all den Annehmlichkeiten des täglichen Lebens in der westlichen Welt gelehrt.

Ich hoffe, dass ich den Kindern im Hostel von all diesen Dingen wenigstens ein bisschen etwas zurückgeben konnte und ihnen wenn auch für eine kurze Zeit ein wenig Freude und Zuversicht bereitet habe. Denn diese sind die Zukunft ihres Landes, welches so reich an Naturschönheiten und Güte in den Herzen seiner Bewohner ist. Ich hoffe es wird mir irgendwann noch einmal vergönnt sein die Kinder, Victor, Primer, John und Max wiederzusehen ... ich habe es mir jedenfalls fest vorgenommen! Ich kann jedem nur empfehlen, sich einmal auf eine solche Erfahrung einzulassen, es ist nicht immer einfach und insbesondere das Heimweh kann hier doch sehr an einem nagen...

aber diese wunderbaren Menschen tun alles was möglich ist, damit man sich wie zuhause fühlt!

In diesem Sinne ... Osibekurungi!